glaubt man lavater, so besitze ich wenig frauenzimmerkunstfertigkeit und kein genie, bin dafür aber voll dreistigkeit und verstand. das hat lavater ganz gut erkannt, denn bereits in der grundschule wurden in textilarbeit/werken hauptsächlich die handarbeitsfähigkeiten meiner oma bewertet, die mir heimlich löwen gehäkelt und eierwärmer gestrickt hat, während ich an sowas einfachem wie glatten, rechten maschen gescheitert bin. so nimmt es nicht wunder, dass meine beurteilung lavaters zwar nicht sonderlich originell, aber immerhin doch ganz akzeptabel, weil gängig ist.
lavater hat seiner teilübersetzung der palingénésie philosophique von bonnet, die er als philosophische untersuchung der beweise für das christentum veröffentlicht hat, ein widmungsschreiben an mendelssohn vorangestellt. allein das wirkt eigentlich ganz nett, aber man muss sich die widmung näher ansehen. sie ist wenig liebenswürdig. lavater fordert mendelssohn darin öffentlich auf, die beweise für das christentum zu widerlegen. sollte mendelssohn an dieser aufgabe scheitern, schlägt lavater vor, er solle sich sokrates zum vorbild nehmen (der vergleich zwischen mendelssohn und sokrates ist, wie sich später vor allem aus nachrufen entnehmen lässt, nicht unüblich) und gewisse konsequenzen ziehen. obwohl damit natürlich nicht der schierlingsbecher, sondern die konversion gemeint ist, bleibt’s eine frechheit. auch der lavater scheint mir hier ordentlich voll mit dreistigkeit!
fies, oder vielleicht auch nur nervtötend, ist erstens der bekehrungsversuch überhaupt. man kann lavater dabei eventuell zugute halten, dass dafür wohl tatsächlich theologische beweggründe hat. er ist nämlich anhänger des institutum judaicum zu halle, das an der judenmission arbeitet, weil dort der vom pietismus geprägte glaube herrscht, die rückkehr des messias habe die judenbekehrung zur vorbedingung.
fies, und das ist jetzt wirklich fies, ist zweitens, dass der bekehrungsversuch öffentlich stattfindet. lavater mangelt es hier nachhaltig an takt. er ignoriert, dass mendelssohn überhaupt nicht in der lage ist, eine heftig negative antwort zu schicken, weil er von dem, was man heute einen offenen und freien diskurs nennen würde, abgeschnitten ist. er besitzt nämlich kein bürgerrecht in berlin (und hat es zeitlebens nie erhalten), sondern lebt dort als außerordentlicher schutzjude. vor seiner antwort an lavater hat er sogar die zuständige zensurbehörde informiert. deren antwort, man vertraue darauf, dass mendelssohn nichts schreiben würde, was öffentliches ärgernis geben könnte, ist nichts besseres als eine subtile drohung.
mendelssohn also: »wer die verfassung kennt, in welcher wir uns befinden, und ein menschliches herz hat, wird hier mehr empfinden, als ich sagen kann.«
lavater kriegt ordentlich prügel von lessing und anderen, auch bonnet selbst findet die angelegenheit nicht so toll, und nimmt sein ansinnen im nächsten brief (ja, es gibt einen nächsten brief) halbherzig zurück. als aufklärer (oder jemand, der sich für einen hält) muss er zugestehen, es gebe mehrere wege zum seelenheil, denn wer gott »fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm.« dann kommt aber trotzdem ein kniff, der preisgibt, wie es in wirklichkeit um seine toleranz bestellt ist, denn er drängt mendelssohn erneut dazu, den »kürzesten Weg zur höchsten tugend und seligkeit« zu betreten, womit natürlich das christentum gemeint ist. auf dem weg zur erlösung gibt es anscheinend stufen.
seltsamer typ, dieser lavater. wer mehr über mendelssohn lesen will, sei auf die 2009 erschienene biographie von shmuel feiner verwiesen.